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Nepomurks

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Spoileralarm
Heute leben wir: Roman - Emmanuelle Pirotte, Grete Osterwald

Heute leben wir: Roman - Emmanuelle Pirotte,Grete Osterwald 

Emmanuelle Pirotte legt mit ihrer Erzählung „Heute leben wir“ einen unglaublich vielschichtigen, herzergreifenden und zudem sehr tiefgründigen Roman vor, der sich inhaltlich z.T. nach den Erzählungen ihrer Großeltern richtet und somit mit einzelnen Fragmenten auch auf wahren Begebenheiten beruhen soll. Eine packende Geschichte über ein 8-jähriges, jüdisches Mädchen namens Renée, das in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges von Nazi-Schergen aufgegriffen wird und mithilfe eines Mannes und einiger glücklicher Zufälle zu überleben hofft..
 
Zu Beginn des Romans glaubt man womöglich, die Erzählung drehe sich im Kern nur um das Mädchen Renée, um ihre Flucht vor den Nazis und ihren Überlebenskampf. Weit gefehlt, geht es doch oftmals vielmehr um ihren vermeintlichen Retter, den als US-Soldaten getarnten SS-Mann Matthias, alias Matt. Diesem wird Renée im falschen Glauben an dessen Alliierten-Zugehörigkeit zur Rettung anvertraut. Doch Matthias ist Teil der verdeckten „Operation Greif“, einer SS-Einheit, die sich Anfang 1943 verdeckt zur Ausrottung des Feindes und der verbliebenen Juden in Belgien im Einsatz befindet. Aber Renée bewirkt beim Aufeinandertreffen etwas in Matthias. Etwas vollkommen Irrationales und Unvorhersehbares. Matthias lässt Renée am Leben und nimmt sich ihrer sogar an. Doch wird den beiden mit ihrer grundlegend gegensätzlichen Identität tatsächlich die gemeinsame Flucht vor den Nazis, sowie den Alliierten gelingen? Was steckt hinter dem vermeintlichen SS-Schergen Matthias? Dem Mann, der nicht erst seit 1943 unzählbare Morde zu verantworten hat, der aus persönlicher Lust mordet und beinahe eine Art Tötungsmaschine ist.. Hier setzt die Autorin mit ihrem grandiosen Roman an. Die Figuren sind allesamt sehr gut getroffen und in bester Manier dargestellt, doch Matthias sticht neben Renée am ehesten und häufigsten heraus. Seine Hintergründe, seine ganz persönliche Geschichte und seine Sicht auf das Leben und die Menschen lassen ihn in den Vordergrund rücken und (leider) trotz seiner Vergangenheit und SS-Zugehörigkeit sympathischer wirken, als es doch eigentlich der Fall sein dürfte.. Es hat mich beim Lesen regelrecht zerrissen, auf seine Beweggründe und in seinen Charakter blicken zu müssen und dabei nicht immer die erwartete Abneigung gegen ihn zu verspüren. Manches Mal hofft man gar, er möge doch allein schon wegen der kleinen Renée überleben..
Der Erzählstil der Autorin ist derart intensiv, verlockend und doch ungeschönt direkt, dass das Buch wohl jeden Leser von der ersten Seite an in seinen Bann ziehen dürfte. Emmanuelle Pirotte schafft es mit ihrem unsagbar ergreifenden, feinfühligen und ganz und gar besonderen Schreibstil, herkömmliche Klischees zu hinterfragen. Niemals zu direkt, aber doch immerzu. Nichts ist im Grunde so, wie es zunächst scheint und der Roman hält viele unerwartete und verblüffende Momente bereit. Der Leser wird permanent herausgefordert, sich mit den eigenen Werten und Normen, mit einer zuvor klaren Meinung und eigenen Urteilen auseinanderzusetzen. Nicht zuletzt wegen der immens vielschichtigen und tiefgründigen Figuren, die viel Interpretationsspielraum bieten. Vordergründig geht es, wie eingangs erwähnt, durchweg um Matthias und Renée, doch auch die Neben- oder Randfiguren erfüllen ihre Parts und tragen maßgeblich zur Erzählung bei. Man darf wohl nie den zeitlichen, bzw. geschichtlichen Hintergrund der Geschichte vergessen, der sich im Handeln und den unterschiedlichen Reaktionen der Protagonisten widerspiegelt: Ängstlich, wagemutig oder auch stark treten die Nebenakteure auf. Explizit wird dabei aber trotzdem immer wieder der durchgängig unerschütterliche Mut und Realismus der kleinen Renée im Kontrast zu manch anderer Figur greifbar – ihr schroffer Blick auf die Abläufe und ihr ständiges Sinnen nach der Wahrheit. Matthias dagegen als Manipulativ mit seiner perfekten Maskerade, die doch nur Mittel zum Zweck ist.. Die Figuren, wie auch der gesamte Verlauf der Erzählung verstehen es entgegen mancher Vermutungen, zu überraschen und einige Entwicklungen sind vollends anders, als zunächst erwartet. Spannend bleibt es zudem, weil man allein schon durch Emmanuelle Pirotte‘s Erzählstil sehr intensiv die Wirren der Zeit, die zermürbenden und Angst einflößenden Zustände der Nazi-Zeit und des Zweiten Weltkrieges spürt. Und nicht selten blickt man dabei nun mal ziemlich tief in die Abgründe der menschlichen Art..
 
Für mich ein großartiger Roman, der mitreißt und sehr zum Nachdenken verleitet, dabei aber auch durchweg spannend und ergreifend ist. Tolle Figuren, die eine unglaublich berührende und zugleich tiefgründige Geschichte zu erzählen haben und ein Schreibstil, mit dem die Autorin jeden Lesern von der ersten Seite an in ihren Bann ziehen wird! Absolut lesenswert. 5 Sterne.